Dass alle weniger arbeiten würden, wenn es nach der Gewerkschaft geht, ist ja bekannt. Aber in keiner anderen Branche verlangt sie das so offen wie in der Sozialwirtschaft. Dort haben am Freitag die Lohnverhandlungen begonnen und die Gewerkschaft geht mit einer einzigen Forderung an den Start: Die 35-Stunden- Woche. Das käme einer Arbeitszeitverkürzung um drei Stunden gleich. In der Branche der Pfleger, Betreuer und Sozialarbeiter liegt die Normalarbeitszeit jetzt schon bei 38 Stunden in der Woche. Der Kollektivvertrag (KV) der Sozialwirtschaft gilt für rund 125.000 Beschäftigte, hat laut Gewerkschaft aber auch Auswirkungen auf andere KVs im Sozialbereich, wie jene der Caritas, der Diakonie oder des Roten Kreuzes.

Vollzeitanstellung „fast unmöglich“

Auf die 38-Stunden-Woche kommt in der Branche aber kaum jemand. Der Frauenanteil im Gesundheits- und Sozialwesen liegt bei über 70 Prozent, die Teilzeitquote ebenso. Vor allem in der mobilen Pflege: Ein Vollzeitarbeitsplatz sei dort die absolute Ausnahme, heißt es von der Gewerkschaft. Für die Arbeitgeber ist es mit Teilzeitkräften leichter, ihre Dienstpläne flexibel zu gestalten und günstiger, wenn Mehrarbeit anfalle. Und für die Beschäftigten, vor allem in der Pflege, sei ein Vollzeitjob kaum zu bewältigen.

Laut Gewerkschaft liegt die ideale Arbeitszeit für die Beschäftigten in der Branche bei 30 Stunden in der Woche. Dafür reicht aber das Einkommen oftmals nicht aus. Eine Heimhilfe im ersten Berufsjahr verdient mit 25 Wochenstunden laut Kollektivvertrag 1047 Euro netto im Monat. Deshalb pocht die Gewerkschaft auf die 35-Stunden-Woche mit gleichbleibendem Lohn und vollem Personalausgleich. Da der Teilzeitanteil so hoch ist, käme das quasi einer Lohnerhöhung gleich – um satte 8,6 Prozent (!). Vollzeitbeschäftigte kämen damit auf 18 zusätzliche freie Tage im Jahr. Die Arbeitgeber hatten in der Vergangenheit argumentiert, dass der Druck auf die Beschäftigten steigen würde, wenn eine 35-Stunden-Woche eingeführt wird. Allerdings ist der Arbeitsdruck in den letzten Jahren immer gestiegen, nur die Beschäftigten hatten nie was davon.

75.500 Pflegekräfte mehr benötigt

Dabei würden die PflegerInnen und BetreuerInnen fern in genau diesem Job arbeiten. Die Arbeit mit Menschen ist sinnstiftend und trotzdem ächzt die Branche unter massivem Personalmangel. Laut einer aktuellen Studie von „Gesundheit Österreich“ benötigt Österreich bis 2030 zusätzlich 75.700 Pflegekräfte. Laut Gewerkschaft ist die Arbeitszeitverkürzung vulgo Lohnerhöhung die einzig sinnvolle Maßnahme, um die Branche attraktiver zu machen. Die Arbeitnehmervertreter hatten schon in den vergangenen drei Jahren die 35-Stunden-Woche gefordert, bisher ohne Erfolg. Die Arbeitgeber argumentieren, dass die Branche, diese Mehrkosten nicht schultern könne. Voriges Jahr einigte man sich nach Warnstreiks auf einer durchschnittlichen Lohnerhöhung von 3,2 Prozent. Streiks sind also auch heuer ziemlich realistisch.

Quelle: TZ „Die Presse“ (vom 28.112019), Jeanine Hierländer