Selbstreflexion

Die Aufmerksamkeit nach innen

Von Christoph Karl

Eine der größten Fähigkeiten des Menschen ist jene zur Selbstreflexion. Soweit wir das heute wissen, ist der Mensch das einzige Lebewesen, das seine Aufmerksamkeit bewusst steuern kann und selbst entscheidet, wohin er seine Gedanken richtet. Er begreift, dass das, was man so sagt und tut, nicht unbedingt so sagen und tun muss. Er kann eingebrannte Gewohnheiten nicht nur ändern sondern sogar bleiben lassen. Und er kann zu der daraus resultierenden Erkenntnis kommen, dass das, was man eben sagt und tut, nicht unbedingt richtig ist, nur weil man selbst der Urheber davon ist. Allerdings machen wir heutzutage von dieser Fähigkeit immer seltener Gebrauch.

Alltägliche Gebrauchsgegenstände, wie Autos, Handys oder Computer sind so ausgerichtet, um uns das Denken so oft wie möglich zu erleichtern bzw. ganz abzunehmen. Selbst zu bestimmen, was ansteht und wo es langgeht, lernen wir schlichtweg nicht mehr. Doch ohne ein gewisses Maß an Selbstbestimmung gibt es keine Zufriedenheit. Oder bevorzugen Sie Dienst nach Vorschrift gegenüber der freien Entfaltung?

Warum ist Selbstreflexion in der heutigen Zeit so wichtig? Die Fülle an Möglichkeiten erfordern Entscheidungen. Früher gab es im Supermarkt 3 Sorten Joghurt: Erdbeere, Himbeere und Nuss. Heute gibt es zig Varianten: laktosefrei, mit probiotischen Ergänzungen und Vitaminen, kalorienarm, Stracciatella, Pfirsich-Maracuja, Mango, Mocca und weitere Sorten. Oder betrachten wir die Situation im Beruf: die meisten unserer Eltern haben nach ihrer Ausbildung einen Job angefangen und ihn bis zur Pension ausgeübt. Heute wechselt man diesen in der Regel alle 4 Jahre. Viele machen später eine zweite Ausbildung und starten in einem ganz neuen Beruf durch. Einerseits ist das schön, da wir unendlich viele Chancen haben, uns zu entfalten und unsere Bedürfnisse auf unterschiedlichste Art zu befriedigen. Doch andererseits bedeutet das auch, dass wir uns  ständig neu entscheiden müssen, sogar bei ganz alltäglichen Dingen.

Regelmäßige Selbstreflexion erleichtert es uns, Entscheidungen zu fällen. Wenn wir uns bewusst machen was uns wichtig ist und was uns glücklich macht, können wir aus der Fülle von Möglichkeiten genauer auswählen und besser erkennen, wenn sich unsere Vorstellungen und Bedürfnisse geändert haben. Durch systematisches Nachdenken entsteht ein Zwischenspiel aus positiven und negativen Gedanken. Schlechte Gedanken gehören zum Leben dazu und brauchen Platz. Doch wir sind heute von so viel Negativität umgeben, dass uns das Positive erst auffällt, wenn wir es uns bewusst machen. Selbstreflexion ermöglicht uns, den Fokus bewusst auf positive Dinge zu lenken.

Auch in zwischenmenschliche Konfliktsituationen führt eine kritische Selbstbetrachtung dazu, dass man sich mit dem Hineindenken und Hineinfühlen in andere auseinandersetzt. Das Ziel dabei ist nicht immer das Suchen nach Lösungen, sondern das Eingestehen von Fehlern. Sich dabei das eigene Verhalten und Handeln vor Augen zu halten und daraus vorgeprägte Muster zu erkennen. Oft erweist sich ein reflektierter Neustart als bessere Methode, Dinge zu entwirren, als ständig auf alte Sichtweisen zu bestehen. Je länger man darauf beharrt, die ursprüngliche Einstellung beizubehalten, umso schwieriger wird es sein, sich von festgefahrenen Gedankenmustern zu verabschieden.

Nutzen wir also diese außergewöhnliche Fähigkeit, die in jedem von uns steckt. In Zeiten, in der uns die moderne Technik immer mehr Entscheidungen abnimmt, ist es umso wichtiger selbstbestimmt zu bleiben. Computer können sich nicht selbst reflektieren. Wir aber schon!

 

Wir bleiben am Ball!

 

Liebe Grüße, Christoph, Michael und Christopher